Bericht: Anne Mühlbauer  |  Fotos: Simon Hönscheid  |  Kategorie: Festivalberichte  |  

Am Sonntag hieß es für uns, früh aufzustehen, damit wir rechtzeitig um halb elf zu der Vorführung des bereits erwähnten Welle: Erdball-Films „Operation: Zeitsturm“ im Theater sein würden.
Trotz der für ein Festival recht ungewohnten Uhrzeit hatten sich dort dennoch relativ viele (wenngleich teilweise noch gähnende und etwas mitgenommen aussehende) schwarze Gestalten versammelt. Es war genügend Platz vorhanden, um es sich auf dem Fußboden gemütlich zu machen und die anderthalbstündige Filmvorführung so entspannt zu erleben.

Die beiden Herren und die beiden Damen von Welle: Erdball haben hier nicht nur das Drehbuch entworfen und die Musik beigesteuert, sondern stehen denn auch gleich selbst vor der Kamera: während des NS-Regimes wird der Wissenschaftler Dr. Alois Haber in einem Bunker dazu gezwungen, eine Zeitmaschine zu erfinden, um trotz aller widrigen Umstände einen Sieg der Nazis gewährleisten zu können. Doch das Transformieren von Lebewesen will und will nicht gelingen – die Ereignisse überstürzen sich; die Tochter des Wissenschaftlers wird in die Maschine gestürzt und kann von ihm nicht mehr zurückgeholt werden, als die Nachricht vom Scheitern der Nazis den Bunker erreicht, wird dieser von innen versiegelt und die darin befindlichen Soldaten hingerichtet. Doch dem Wissenschaftler gelingt, schwer verwundet, die Flucht, und er schleppt sich zu einem nahegelegenen Haus, wo er seine Aufzeichnungen sorgsam versteckt. Darin wendet er sich an niemand anderen als Dr. G Linde alias Honey. Die Bitte, seiner Tochter durch die Zeit hinweg zu helfen und sie zu befreien, erreicht diesen schließlich, als er bei sich auf dem Dachboden aufräumt.
(Der Anblick der unzähligen Commodore 64s in selbigem Raum sorgte für deutliches Grinsen bei den Zuschauern 😉 ).

Ob und wie den Damen und Herren von Welle: Erdball die Rettung der jungen Frau gelingt und wie die Handlung weitergeht, das könnt ihr euch bald selbst anschauen: die Veröffentlichung der DVD steht kurz bevor. Prädikat: absolut empfehlenswert, nicht nur für eingefleischte Welle-Fans!
Für uns hieß es nun, aus dem angenehmen Halbdunkel des Theaters hinauszutreten in die grelle Mittagssonne. Noch etwas geblendet stolperten wir hinüber zur Mainstage, um den Auftritt der Mediaeval Babes zu sehen. Die im Vergleich zu den restlichen Acts des Festivals sanften und wohlklingenden Melodien bildeten einen angenehmen musikalischen Auftakt des Tages. Auch das Auge konnte sich angesichts der sechs Damen in ihren grünen Gewändern, die zu den mittelalterlichen Klängen tanzten und ihre Mikroständer mit Efeuranken dekoriert hatten, erfreuen.
The LoveCrave vermochten mich mit ihrem an sich recht soliden Rock nicht wirklich zu überzeugen, sodass die Auftritte der Italiener von Spiritual Front und von Spectra*Paris auf der Theaterbühne eindeutig besser abschnitten.
Letzteres ist das All-Girl-Projekt der wunderbaren Elena Fossi, die man bereits von Kirlian Camera her kennt (und, zumindest in meinem Falle, auch liebt 😉 ). Das Zusammenspiel von Songs auf hohem musikalischen Niveau, einer nahezu perfekten Lichtshow (unterstützt durch Videoprojektionen, etwa aus dem Film „Clockwork Orange“) und dem sehr erotischen Auftreten Frau Fossis bildete einen unbestrittenen Höhepunkt der beiden Festivaltage.
Wie es die zeitliche Verteilung auf den beiden Bühnen so wollte, blieb jedoch leider keine Zeit, um Spectra*Paris bis zum Ende beizuwohnen. Vielmehr machten wir uns auf den Weg in Richtung Mainstage, wo die Jungs der Letzten Instanz als nächstes auftreten würden.
Wie erwarten heizten diese dem Publikum dann auch ordentlich ein und steckten es mit ihrer guten Laune eindeutig an. So, wie die sieben Musiker zum größten Teil barfuß über die Bühne hüpften und sprangen, tanzte, klatschte und sang man auch vor der Bühne begeistert mit. Als besonderes Schmankerl hatten man ein Cover des Alice-Cooper-Klassikers „Poison“ im Gepäck, das die ohnehin schon großartige Stimmung noch einmal steigerte.
Spätestens jetzt war von der morgendlichen Müdigkeit nichts mehr übrig!
Auf die Letzte Instanz folgten auf der Hauptbühne Das Ich, denen ich den Vorzug gegenüber Cinema Strange im Theater gab. Wie man es von den Auftritten der beiden Herren Kramm und Ackermann plus Live-Keyboarder her kennt, dominierte die Bühne eine sperrige Metallkonstruktion. An den beiden beweglichen Flügeln waren die Keyboards angebracht, sodass Bruno Kramm und Kain diese während des Auftritts vor- und zurückschieben konnten. Währenddessen wirbelte Sänger Stefan Ackermann, den ausgezehrt wirkenden Körper wie gewohnt rot angemalt und nur mit einer eng anliegenden orangen Hose bekleidet, umher und beeindruckte das Publikum einmal mehr mit seiner großartigen Mimik und Gestik.
„Gottes Tod“, „Sodom und Gommorrha“ oder „Kain und Abel“ brachten die Stimmung zum Überkochen, was letzlich nur noch durch das obligatorische „Destillat“ übertroffen werden konnte. Was für ein Auftritt!
Anschließend beeilten wir uns, um im Theater zumindest die zweite Hälfte von Lacrimas Profundere erleben zu können.
Während wir im Theater also einem atmosphärisch sehr dichten Auftritt beiwohnten, ging es draußen derweil mit Gruftie-Gesäusel auf höherem Niveau à la L‘Âme Immortelle weiter. Derjenige, welcher für das Wetter verantwortlich zeichnet, kommentierte selbiges übrigens mit einem kräftigen Regenguss – das deute, wer will. 😉
Gegen halb sechs zogen auf der Hauptbühne dann jedoch eindeutig härtere Klänge auf: mit einer Band, die sich selbst als „Tokio Hotel“ ankündigte. WTF? Es waren natürlich Suicide Commando, die dem Publikum ordentlich einheizten. Dass „Bind Torture Kill“ den Anfang machte, war irgendwie klar. Johan van Roy und die Seinen legten einen derart gelungenen Auftritt voller Härte und Dynamik hin, dass es eine helle (oder vielmehr: dunkle!) Freude war.
Im Theater spielten währenddessen Soko Friedhof sowie Clan Of Xymox.
Project Pitchfork traten kurz vor sieben auf der Mainstage auf, und die Tatsache, dass sie ohnehin nahezu das gesamte Festivalgelände beschallten, ließ mich dann erst einmal einen ausgiebigen Shoppingbummel einlegen. Besonders gut verkauften sich heuer übrigens die Regenschirme am Zillo-Stand, die dann doch um Einiges kleidsamer waren als die am Dunkel-Volk-Stand dargebotenen weißen Regencapes.
Im Theater spielten unterdessen Eisbrecher:
Als letzter Act auf der Hauptbühne waren And One schließlich an der Reihe. Auch diesen Auftritt konnte man leider nicht in seiner vollen Länge genießen, wenn man denn die famosen Diary Of Dreams im Theater sehen wollte. So musste ich mich mit einer viel zu kurzen Viertelstunde And One begnügen.
Im Theater stand man bereits dicht gedrängt, als mit neun Uhr der Beginn des Diary Of Dreams’schen Auftrittes näher rückte. Obgleich ich die Formation um Adrian Hates bereits mehrfach live erleben durfte, kann man davon meiner Meinung nach schlichtweg nicht genug bekommen.
Auch dieses Mal sollte das Publikum nicht enttäuscht werden: nach dem Opener „Nekrolog 43″, bei dem man wie gewohnt schwarze Kapuzenmäntel trug und die Klänge sich mit dem Nebel und dem zumeist blau-grünlichen Licht zu einer atemberaubenden Atmosphäre vermischten, folgte eine – wie sollte es auch anders sein – hochkarätige Setlist.
„Wirst du mich nie versteh‘n…/ wirst du denn nie versteh‘n…/ hast du noch nie geseh‘n…/ wie meine Augen glitzern…“ – „Traumtänzer“ war nur eines der vielen großartigen Stücke diesen Abends.
„She And her Darkness“, „The Plague“, „Chemicals“ oder „MenschFeind“ sorgten allesamt dafür, dass manch einer sich wünschte, der Auftritt würde niemals enden.
Leider musste er das, nach einigen Zugaben, dann doch irgendwann, und wer wollte, konnte anderthalb Stunden später dann noch die Show der legendären Krupps erleben.

Festivalfotos

 

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